Nähren

LOKALE SUPERFOODS – warum wir diese regionalen Kostbarkeiten nicht außer Acht lassen sollten. ∼

Eine Übersicht.

Oder: Superfood ist nicht gleich Superfood.

Superfoods. Was für ein Hype. Man kommt ja fast schon gar nicht mehr hinterher. Hier wieder eine Überdrüber-Beere, dort wieder ein Super-Getreide oder die Oberspezial-Samen. Die Liste ist mittlerweile ganz schön lange und wird ständig erweitert.

Dass es viele dieser Lebensmittel schon sehr lange gibt, ist kein Geheimnis. Ja meist sind es vielmehr auch die Geschichten, die um ihre oft bis zu jahrtausendealte Existenz gesponnen werden und unsere Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Wenn es etwa die Mayas oder Azteken schon gegessen haben, dann kann es nur gesund sein. Sie machen uns vermeintlich gesund, schlank und glücklich. Bei all den tollen Eigenschaften – wie konnten wir da nur ohne diese speziellen Zutaten überleben? Dass die Superfoods aber bewusst von der Industrie aufgespürt und vermarktet werden, will man nicht so ganz einsehen oder wahrhaben.

What’s in the mix?

Inhaltlich betrachtet haben die Superfoods gemeinsam, dass meist ein isoliert betrachteter Inhaltsstoff als Gesundheitsbooster besonders hervorgehoben wird. Eine Stärkung des Immunsystems und der damit verbundenen Verbesserung der allgemeinen Gesundheit und Lebensqualität ist so ziemlich das Mindeste, was die Superfoods bringen sollen.

Einige der sogenannten Superfoods besitzen zum Beispiel viele Antioxidantien – diese sind ein Mittel gegen freie Radikale im Körper. Grundsätzlich sind diese freien Radikale ja nicht schädlich, sondern unterstützen das Immunsystem, aber wenn es durch ungesunde Ernährung, Rauchen, Alkohol, Stress, etc. zu viele der freien Radikale werden, wirken sie kontraproduktiv – etwa in Form von schnellerer Hautalterung oder Gefäßverkalkung. Experten sprechen hier von „Oxidativem Stress“ – und dagegen können die Superfoods mit ihren vielen Antioxidantien helfen.

Das Problem mit den Superfoods

Ihr habt es bestimmt schon an meinem Ton bemerkt – ich bin kein großer Fan von globalen Superfoods. Natürlich mögen die gesund sein und dem Körper ihr Gutes tun, ohne Zweifel. Aber: Der Begriff „Superfood“ ist auch nicht geschützt, weder fachlich noch gesetzlich, daher kann sich jeder nach Belieben dieses Begriffes bedienen. Und: Man sollte dabei aber das große Bild betrachten, denn ökologisch gesehen ist dieser Trend mit Vorsicht zu genießen und es gibt viele tolle heimische Alternativen, die hier absolut mithalten können.

Superfoods kommen in der Regel von weit her, sie haben oft tausende von Kilometern hinter sich und hinterlassen damit einen riesigen ökologischen Fußabdruck. Durch die zunehmende Globalisierung ist der Handel/Warenverkehr um ein Mehrfaches angestiegen, mal nur verglichen zu den 80er Jahren.

Außerdem kommt es in den jeweiligen Ländern durch den internationalen Hype manchmal sogar zu einer Verknappung, wodurch die Preise in den Herkunftsländern oft wesentlich ansteigen. Das Resultat: die lokale Bevölkerung kann sich ihre traditionellen Grundnahrungsmittel oft nicht mehr leisten. Das ist zum Beispiel bei Quinoa aus den Anden der Fall – hier ist der Preis von 2009 bis 2013 um das Zehnfache gestiegen. Das ist zwar gut für die Bauern, aber schlecht für die Bevölkerung.

Durch den Boom von gewissen Lebensmitteln müssen in den Ursprungsländern auch oft unberührte Wälder weichen, um Plantagen Platz zu machen, damit man der großen Nachfrage nachkommen kann. So zum Beispiel auch bei der Avocado. Kein Food-Blogger kommt mehr ohne der hippen Frucht aus. Heimische Tiere und Insekten verlieren ihren Lebensraum und sind damit die wahren Opfer dieses Hypes, wie dies zum Beispiel vor allem in Mexiko der Fall ist, denn dort ist das Klima für den Avocado-Anbau ideal. Von den Pflanzenschutzmitteln und deren Auswirkungen auf die Bevölkerung mal ganz zu schweigen. Rund 1000 Liter Wasser werden für die Avocado-Anzucht von einem Kilogramm Avocados benötigt. Wer eins und eins zusammen zählen kann, weiß, dass das verheerende Auswirkungen auf das gesamte Ökosystem hat.

In Gegenden, in denen die Anbauflächen ohnehin schon knapp sind, sorgt dieser Boom für Verteilungskonflikte, da plötzlich wieder mehr Leute anbauen möchten. Oft werden auch die eigentlich notwendigen Brache-Zeiten des Bodens nicht berücksichtigt – die lockenden Gewinne sind eben stärker als eine nachhaltige Sichtweise. In vielen Fällen werden durch die zunehmende Industrialisierung auch viel zu schwere Maschinen eingesetzt, die für den oftmals fragilen Boden ungeeignet sind.

Bei einigen Superfoods werden außerdem umstrittene Herbizide eingesetzt – teilweise offenbar auch welche, die in der EU verboten sind. Oft sind in den Superfoods sogar Belastungen mit Schadstoffen wie Mineralöl, Blei und Cadmium festzustellen. Und: trotz Pestizideinsatz erreicht der Chia-Samen Anbau kaum die Erträge, die andere Nutzpflanzen liefern könnten und blockiert damit Ackerflächen, die mit bewährten Kulturen mehr Menschen ernähren könnten.

Durch den langen Transportweg und die in manchen Fällen vorkommende Herbizidbelastung ist oft gar nicht mehr sichergestellt, dass die Superfoods auch wirklich noch das in sich haben, was sie eigentlich sollten bzw. noch so gehaltvoll sind, wie sie versprechen.

Was ist die Alternative?

Somit bleibt die Conclusio, dass die Superfoods leider gar nicht so super sind und wir dagegen einige heimische Lebensmittel besitzen, die durchaus mit den vermeintlichen Superkräften der globalen Superfoods mithalten können. Ein paar Beispiele seien hier genannt:

  • Statt Chia-Samen:

Leinsamen, Sonnenblumenkerne, Kürbiskerne, Walnüsse (Omega-3- und Omega-6-Fettsäuren sowie Mineral- und Ballaststoffe )

  

  • Statt Acai-Beere:

Heidelbeere/Blaubeere oder schwarze Johannisbeere, Brombeeren, Holunder, Kirschen, rote Weintrauben (Anthocyane)

  

  • Statt Goji-Beere:

Himbeere, Schwarze Johannisbeere, Hagebutte (Vitamine, Antioxidantien)

Ganz bestimmt hat Social Media auch seinen Teil dazu getan hat, um den Superfood-Boom voran zu treiben. Grund genug also, um euch hier Online und auch auf Social Media die Alternativen aufzuzeigen und das Bewusstsein für eine differenziertere Sicht zu schaffen.

Übrigens: Auch viele Wildkräuter, die direkt vor eurer Haustüre wachsen und obendrein noch kostenlos zur Verfügung stehen, haben einzelne hoch dosierte Inhaltsstoffe in sich – hier ein paar Beispiel geordnet nach Mineralstoffgehalt, Vitamin-C-Gehalt, Provitamin-A-(Carotin)-Gehalt und Reineiweißgehalt.

Mineralstoffe:

Reich…

… an Kalium: Weißer Gänsefuß, Guter Heinrich, Vogelmiere

… an Phosphor: Bärenklau, Brennnessel, Guter Heinrich, Wilde Malve

… an Magnesium: Weißer Gänsefuß, Schmalblättriges Weidenröschen, Bärenklau

… an Calcium: Brennnessel, Knopfkraut, Bärenklau, Huflattich

… an Eisen: Knopfkraut, Vogelmiere, Brennnessel

Hoher Vitamin-C-Gehalt:

Gänsefingerkraut, Großer Wiesenknopf, Schmalblättriges Weidenröschen, Große Brennnessel

Hoher Provitamin-A-(Carotin)-Gehalt:

Rotklee, Guter Heinrich, Wilde Malve, Großer Wiesenknopf, Brennnessel

Hoher Reineiweißgehalt:

Wegmalve, Giersch, Moschusmalve, Große Brennnessel, Wilde Malve, Guter Heinrich

Quelle: Aid – Auswertungs- und Informationsdienst für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten e.v., 1182/1982; www.aid.de

 

⇒In der folgenden Reihe über heimische Superfoods werde ich euch nach und nach immer wieder einzelne heimische Pflanzen vorstellen, die ihre ganz eigenen faszinierenden Wirkungen besitzen, bei uns hier kontrolliert angebaut werden und nicht um die halbe Welt geschickt werden, bevor sie auf unseren Tellern landen. Stay tuned!

 

Weiterführende Links/Quellen:
https://www.welt.de/wirtschaft/article153176134/Geschaefte-mit-der-Pseudo-Power-von-Chia-und-Quinoa.html
http://www.haz.de/Sonntag/Top-Thema/Gut-fuer-mich-schlecht-fuer-die-Welt

 

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